Boing Boing (Heidenheimer Zeitung – 14.03.2017)

Sasse versucht es „häuslich und polygam zugleich“

Im Sasse-Theater wird die Boulevard-Komödie „Boing Boing“ gespielt. Die ist zwar weltweit erfolgreich, aber nicht unbedingt mehr zeitgemäß. Und besonders verrucht geht's auch nicht zu.

Team Boeing Boeing Pressebericht

,,Wir werden heute noch einen Damenringkampf erleben“, wird kurz vor der Pause in Aussicht gestellt. Auch wenn ziemlich vieles in dieser Boulevardkomödie vorhersehbar ist – der Showdown verläuft dann doch ganz anders. Was aber auch wieder nicht ganz überraschend kommt.

Im Sasse-Theater hatte am Samstag „Boing Boing“ Premiere, eine Komödie, die es bis ins Buch der Rekorde geschafft hat. Nicht wegen eines stupenden Intelligenzfaktors der Handlung – obwohl einmal, und das war dann wirklich eine überraschende Pointe, der zweite männliche Protagonist, der bekennendermaßen „aus Zang“ kommt, als „hinreißend intellektuell“ angehimmelt wird. Sondern weil die Komödie von Marc Camoletti in über 50 Länder und in bald 20 Sprachen weit über 25 000 mal gespielt wurde.

Eingeschränkt zeitgemäß

Der italienstämmige französische Bühnenautor und Regisseur Camoletti hat „Boing Boing“ 1960 geschrieben. Und das verweist schon einmal auf einen ersten Knackpunkt des Stückes: Es ist, vorsichtig formuliert, in nimmer allen Aspekten als uneingeschränkt zeitgemäß zu bezeichnen.

Im Stück klingt die Faszination durch über das damals neuzeitliche Jet-Zeitalter, das ja bereits durch die Doppelung im Titel begeistert apostrophiert wird. Und es mag ja bauch heute noch als ausgesprochen reizvoll empfunden werden, „mit 900 Kilometern durch die Wolken (zu) brausen“; im Zeitalter der Billig-Airlines und globaler Massenfliegerei ist das heute kein herausragendes technologisches Highlight mehr.

Und dann genügt „Boing Boing“ auch im fortgeschrittenen 21. Jahrhundert eigentlich gängigen Standards nicht mehr, was das Bild der Frau anbelangt.

Im Mittelpunkt des Stückes steht ein erfolgreich sein sollender Frankfurter Banker, der seinen Frauenkonsum mit scheinbar crashsicheren Algorithmen steuert: Er propagiert offen die Polygamie: Drei Frauen zu haben, gleichzeitig, die ihn umkreisen wie die Boings den Globus, scheint ihm zuzustehen.

Und er ist stolz auf seine Art, das weitgehend stressfrei zu organisieren: Er hat sich drei Stewardessen zuführen lassen, die bei unterschiedlichen Fluglinien arbeiten und deren Flugpläne er Frankfurt-spezifisch aufeinander abstimmt.

Und so liebt der Broker aus Mainhattan, der im Sasse-Theater als aus „Schnaitheim“ stammend ausgewiesen wird, der zwischendurch in seinen Dialogen mit dem Zanger Kumpel auch gerne ganz unweltmännisch schwäbelt und eben eigentlich überhaupt nicht dem Phänotyp eines alerten Investmentbankers entspricht, eine Stewardess aus den USA, aus Frankreich und aus Deutschland. Er kann sich „aus einer einmal getroffenen Auslese“ bedienen – und „eine Superauslese“ treffen; und tatsächlich flattert ihm das feminine Flugpersonal bereitwillig ins Bett.

Oh mein Gott, ist das frivol! Aber das muss ein Theater dann auch personell angemessen bedienen können. Und da hat das Sasse-Theater, das weiß man und war bei der Premiere auch nicht zu übersehen, so einfach seine Bedingtheiten. Verruchtes Personal – das gibt's in Schnaitheim nicht massenweise. Und die drei Bankergeliebten waren auch nicht in letzter Konsequenz, sorry, Inkorporationen weiblicher Sexiness und Libertinage. Lara-Sophie Wöhler, „die Deutsche“, hört gerne Wagner; wenn sie auftritt, steht die Hausangestellte stramm. Zwar behauptet sie, „die Leidenschaft in Person“ zu sein, was dann aber schon durch ihre mehrfach angesprochene Leidenschaft für Grünkohl konterkariert wird. Und durch einen ausgesprochen schlecht sitzenden Rock – Schlitz hin oder her.

Jacky Lechner ist die „Französin“ von der Air France, eine kleine, energiegeladene Person, die sich aber ebensowenig durch differenziert charakterisierendes Spiel hervortut wie ihre Kollegin von American Airlines, Angela Brand. Beide bemühen sich, das absorbiert vielleicht schon eine ordentliche Menge spielerischer Konzentration, mit mächtigem Nachdruck um einen fremdzüngigen Slang, was sie zwar sprachlich profiliert, aber Mängel beim spielerischen Ausdruck nicht ausgleicht.

Dennis Hassler ist der stämmige Frauenvernascher Bernard, der „ein bürgerliches Leben“ pflegt – „häuslich und polygam zugleich“. Von großer Geschliffenheit ist sein eigentlich ebenso wohlhabender wie weltläufiger Broker nicht unbedingt, zumal er ja, sobald er mit seinem Schulfreund Hägele „aus Zang“ alleine ist, ins allzuwohlige Schwäbisch verfällt. Heimelig und verrucht passt aber nicht so gut zusammen; da hätte die Regie sich entscheiden sollen. Ein Investment-Banker aus Schnaitheim? Warum nicht; dieser Huber aber hat keine angemessene Personality.

Komisches Hausmädel

Und seinen Schulfreund Hägele stellt Markus Beuther dar, redlich bemüht um frauenöffnenden Charme – kriegt er doch final „die Deutsche“ ab, mit der er enervierend lange, so verrucht geht's zu, um „einen Kuss“ ringt! Spielerisch die Queen war ausgerechnet der soziale Underdog, die Haushälterin: Erika Welches schuf mit ihrer Berta eine herrlich komische, herzhaft karikierende Hausangestellte, die auch für das häufig bemühte Leitmotiv sorgt: „Für ein anstehendes Dienstmädchen ist das Leben in diesem Haus unzumutbar“, wiederholt sie immer wieder – zum schieren Vergnügen des Publikums.

Verantwortlich für die Regie war das Duo Karin Mateja und Hannes Baum, das sich im Programmheft auch nett bedankt für „das Legen der Grundsteine dieser tollen Team-Produktion“ durch Matthias Zimmermann. Der war probenanfänglich federführend dabei; ihn hat's aber, aus beruflichen Gründen, mittlerweile nach Berlin verschlagen. Bei der Premiere von „Boing Boing“ aber war er in Schnaitheim präsent, wurde auch ausdrücklich auf die Bühne gebeten zur Entgegennahme des großen Zuspruchs des Schnaitheimer Publikums, das sich begeistert zeigte. Es wurde gejohlt und getrampelt, es gab langanhaltenden Beifall – und ein Schnapsfläschle für die Regisseurin.

 

Manfred Allenhöfer

 

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