An guada Rutsch (Heidenheimer Zeitung – 15.11.2016)

„Komik kann auch leise sein“

Premiere Das Schnaitheimer Sasse-Theater wünscht zum Abschluss des Jubiläumsjahres „An guada Rutsch!“ Das Publikum feierte bei der Erstaufführung mit großem Vergnügen mit.

Was ist der Unterschied zwischen einem Nilpferd und einer Frau? Das eine hat ein breites Maul und einen dicken Rücken. Und das andere ist ein Tier in Afrika. Lustig? Gottlob ist das kein typischer Witz für die Komödie „An guada Rutsch“, mit der das Sasse-Theater sein Jubiläumsjahr (40 Jahre!), das darf man jetzt schon prognostizieren, erfolgreich beschließen wird.

Man wird bei obigem Jokus nicht groß diskutieren müssen, ob das zeitgemäß ist – wenngleich Political Correctness in unseren Tagen ja immer wieder mit Freude missachtet wird. Man wird womöglich auch nicht groß in Streit geraten, ob man überhaupt darüber lachen kann – so, aus dem Kontext gerissen. Aber bei der Premiere im kleinen Schnaitheimer Theaterchen kam der Scherz, ausdrücklich vorgetragen vom „Opa“, jedenfalls gut an.

Unterschiedliche Schubladen

 

Weil er in einem komischen Zusammenhang steht, der Lustigkeiten und wundersame Situationen über (brutto) zwei Stunden zu einer heiteren szenischen Kette reiht. Und, das sei ohne Zögern zugestanden, auch ganz andere Schubladen öffnet und durchaus auch die eine oder andere nachdenkliche Sentenz aufbietet.

„Überall bisch übrig“, seufzt da beispielsweise der Opa nach der Pause, der zur Jahresendfeier das Altenheim wieder einmal hat verlassen dürfen. Und seine jugendlichen Tischgenossen stimmen zu: „Ja, Alleinsein ist scheiße.“ Schon ein gesellschaftliches Problem.

Auch die Jahre des Nationalsozialismus werden thematisiert („a liadrige Zeit“, urteilt der Senior). Oder es geht um Arbeitsplatzsicherheit: „I will nemme wexla“, sagt die männliche Hauptfigur und bringt das komische Geschehen damit überhaupt erst ins Rollen. Auch Gleichberechtigung wird bedacht: „I han mir d’Hörner abgstoßa“, meint nämlicher Familienvater, und argumentiert Richtung Tochter: „Aber bei ma Mädle isch des doch ganz anders“ – da ist, klar, Widerspruch wohlfeil. Zumal die Komödie von einer Frau stammt: von der 1957 geborenen Stuttgarterin Monika Hirschle, die der Sasse bereits vor elf Jahren zu einer erfolgreichen Spielzeit verhalf: „A schöna Bescherung“ hieß das damals und sezierte, schwäbisch kommod, die Grauslichkeiten einer weihnachtlichen Familienfeier.
Und auch nun steht wieder eine familiäre Festlichkeit an – diesmal die zum Jahreswechsel. Als Co-Regisseurin konnte Ingrid Bossert Heidi Pfeffer gewinnen, eine erfahrene Sasse-Spielerin. Mit dem „Rutsch“ inszeniert Bossert zum siebten Male für die Sasse – und steht dabei („eine spannende Erfahrung“) erstmals auch selber auf der Bühne: als lästige Nachbarin Frau Häfele. Und da verkörpert sie, was für die gesamte Inszenierung gilt: Komik in effektvoller Zurückhaltung. Die Akteure treten eher leise auf; hirnlose Brüller, platte Schenkelklopfer sind nicht gefragt. Die Inszenierung wird selten laut, setzt eher auf Kammerton als auf derbe Lautstärke. Es wird auch nicht wild gestikuliert; mag das Spiel auch manchmal eher hölzern daherkommen – holzschnittartig angelegt ist es nicht. Allerfeinste Charakterdarstellung freilich sollte man auch nicht erwarten. Acht Akteure sind mit erkennbarer Lust bei der szenischen Sache. Vorbereitet und dann zelebriert werden soll die Silvesterfeier bei Familie Berner, zu der auch der neue Chef des Familienvaters, der seinen Job als Optiker (hat auch Autorin Hirschle mal gelernt!) nicht verlieren möchte, geladen wird. Das führt zu haarsträubenden Komplikationen.
Das Ensemble ist konzentriert bei der Sache und setzt den eher moderaten Gestus der Figurengestaltung stimulierend um. Michael Geisel und Christiane von Ohlen agieren als eigentlich ganz durchschnittliches gastgebendes Ehepaar, Ulrich Bossert als Pfeffer in die Suppe streuender Opa und Jacky Lechner als seine ihm sehr verbundene Enkelin. Dazu kommen Ingrid Bossert als nervige Nachbarin, Michael Bossert als Schwiegersohn Ali, Raffaele Incarnato als Chef und, ganz zum Schluss, taucht überraschend Co-Regisseurin Heidi Pfeffer aus der Tiefe des Internets auf – wo Opa gerne chattet, „dass es qualmt“.


Verzicht auf Schenkelklopfer


Mancherlei Wortwitz („Ali?“ – „Babba!“ – „Ali Baba“) sorgt für Heiterkeit; und es sind auch feiner gesponnene und zeitgeistoffene Heiterkeiten eingearbeitet: „Om d’r Gottes ...“, sagt der Hausherr – „Ommm!“ entgegnet, yogamäßig sedierend, Nachbarin Häfele.
Das Premierenpublikum war begeistert – und fand zu einem ganz erstaunlichen und ausgesprochen seltenen Einvernehmen mit den Akteuren auf der Bühne. Bei leitmotivischen Wiederholungen („Mir nach!“) wurde freudig eingestimmt. Und wenn der Hausherr behauptete, „Wehleidigkeit ist mir fremd“, widerspricht das Publikum launig mit einem kollektiven, ironisch bedauernden „Oh!“.
Solcherlei Einklang zwischen vernehmbar amüsierten Zuschauern („Da schmeißt’ dich weg!“) und Spielern ist ein seltenes Theaterereignis.


Von Manfred Allenhöfer

 

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