40 jähriges Jubiläum (Heidenheimer Zeitung – 30.09.2016)

,,Uns ist ganz egal, was einer ist"

Sasse-Theater: Der Schnaitheimer Verein besteht seit 40 Jahren und hat keine Nachwuchsprobleme

,,Wir haben jetzt die 40 geschafft - da wär's doch an der Zeit, als schwäbischer Verein, endlich mal g'scheid zu werden": Ulrich Bossert, Vorsitzender des Sasse-Theatervereins, lächelt. Um dann, ein wenig ernster, anzufügen: ,,Für einen kleinen Verein ist es doch gar nicht schlecht, so alt zu werden - und immer noch agil zu sein. Bei uns läuft's immer noch gut; das ist nicht selbstverständlich." Vieles habe man in diesen vier Jahrzehnten geschafft und geschaffen - und dabei vieles, hier ganz im Wortsinn, ,,mit unserer eigenen Hände Arbeit aufgebaut".

Das Sasse-Theater, als Vereinigung am 5. November 1976 begründet und seit 1978 als „e.V." formalisiert, residiert seit 1985 im eigenen Haus. In den Anfangsjahren wurde gespielt in der Garage von Alois Plamper, dem legendären Gründungsvater der Theatergruppe, und gespielt dann an verschiedenen Orten im Umland, etwa im Heidenheimer Ottilienhof.

Alois Plamper, Oberstudienrat am Heidenheimer Schiller-Gymnasium, war theaterbesessen. Er scharte eine Reihe Gleichgesinnter um sich, mit denen er Stücke ganz unterschiedlicher Art einstudierte. Den Anfang machte 1977 Feydeaus „Wie man Hasen jagt".

Plamper pflegte seine Gruppierung, zumindest nach heutigem Verständnis, auf eine etwas autokratische Art zu leiten; und er gab auch ein System gestufter Mitgliedschaft vor: Es gab den Kern der „Sassen", der aus maximal 33 Akteuren bestehen durfte, und weitere Unterstützer drumherum. ,,Gesucht wurden aktive Gleichgesinnte, keine Maulhelden. Wer sich einbrachte, durfte ein ,Sasse' werden. Man empfand das schon als Ehre", erinnert sich die Ehrenvorsitzende Christina Kling. So sei das eben damals gewesen; und Gründungsmitglied, Ehrenmitglied und hochverdienter ,,Holzwurm" Peter Ruoff, unermüdlicher Schaffer im Theaterhaus von Anbeginn an, ergänzt: „Das war eigentlich gar nicht so schlecht." Doch sind sich beide einig, dass derlei „heute wohl nicht mehr möglich wäre".

Die Bindung an Vereine sei mittlerweile deutlich lockerer geworden. Aber das Sasse-Theater leide deshalb nicht an Mitgliedermangel: ,,Wir haben, einschließlich der Kinder, rund 100 Mitglieder", sagt Erika Welches, Sasse-Ehrenmitglied, bis vor kurzem noch für die Finanzen zuständig. Und auch bei den Aktiven herrsche im Regelfall, so Bossert, kein gravierender Mangel: ,,Das wechselt manchmal ein bisschen in den Altersgruppen", gibt der Vorsitzende zu. Und Kling ergänzt: ,,Bei Kinder und Jugendlichen haben wir keinerlei Nachwuchsprobleme." Das sei nicht selbstverständlich, aber ganz wichtig: ,,Wir müssen keine Werbung machen." Immer wieder meldeten sich Interessierte nach dem Besuch einer Vorführung - sei's mit den Eltern, sei's mit der Klasse. Und für die Entwicklung Heranwachsender sei im übrigen Theatermachen ausgesprochen förderlich: ,,Auf der Bühne stehen gibt einen Schub an Selbstbewusstsein."

Ganz wichtig für die Entwicklung des Sasse-Theaters: 1979 kaufte Plamper, für erinnerliche 55 000 Mark, aus eigenem Vermögen eine baufällige, durchfeuchtete Scheune in Schnaitheim, am Eingang zum Möhntal. Diese wurde, in unglaublicher Eigenleistung, theaterfähig hergerichtet und war ab 1985 bespielbar. Erstes Stück auf der Bühne, die damals als einzige eines Amateurvereins eine Drehbühne besaß (plus zwei Bodenklappen, zum Aufstieg aus dem Untergrund heraus), war Jerome Kiltys „Geliebter Lügner". 2004 bis 2006 wurde das Theaterehen saniert und erweitert, erhielt ein Foyer und einen erweiterten Spielerbereich, den üppig zu nennen freilich eine Übertreibung wäre. Aber das nun 97 Plätze fassende Haus (alle Polstersessel stammen aus dem Giengener Regina-Kino) pflegt ja ohnehin, seit Plampers Zeiten (,,dahinter steckte in Gründerjahren der Ordnungssinn eines Oberstudienrats"), mit seinen zwei Inszenierungen pro Jahr (Frühjahr und Herbst) eine eher kammertheatralische Tradition.

Jetzt, zum Jubiläum, ,,haben wir uns mal ein Geschenk gemacht und einen neuen Bühnenvorhang angeschafft", sagt Bossert - ein gutes Textil aus schwerem, dunkelblauem Samt. Und einen zweiten Vorhang gleich dazu, aus noch schwererem, feuerfestem, schwarzem Stoff: Ein Vorhang zwischen Eingangsbereich und Foyer: ,,Damit es im Winter nicht so zugig ist".

Beim Gespräch sitzen die erfahrenen Mitglieder in einem Teil des Gebäudes, der sich in all den Jahrzehnten nicht grundlegend verändert hat: im Casino oberhalb des Theatersaals. Hier wird gefeiert - was oft und gerne geschieht und insbesondere unmittelbar nach jeder Premiere. Das ist unverzichtbarer Bestandteil des Theaterlebens. Viele heftige und herzhafte Feiern fanden hier statt; die langjährigen Mitglieder erinnern sich mit Vergnügen. ,,Hier wird intensiv die Gemeinschaft gepflegt. Das ist ganz wichtig. Denn: In so einem Verein wie unserem kommen ja Menschen aus allen Berufen zusammen. Das ist ein sehr angenehmes und bereicherndes Miteinander - ganz ohne Standesdünkel", urteilt Christina Kling: ,,Es war uns immer egal, was einer ist."

Viele Anekdoten fallen den langjährigen Mitgliedern da ein. Eine der schönsten Geschichten ist die einer angehenden Mutter, bei der während der Vorführung die ersten Wehen einsetzten. ,,Die wollte aber unbedingt bis zum Schluss dabei sein", erinnert sich Welches schmunzelnd. ,,Danach ging's mit Karacho ins Krankenhaus. Wir haben sie dann später dort auch besucht." Oder man erinnert sich, nicht ganz so gern, an eine Auseinandersetzung zweier männlicher Jugendlicher hinter den Kulissen, die dann mit blutig zerkratzten Gesichtern, unmittelbar darauf wieder gemeinsam auf die Bühne mussten: ,,Da waren sie dann einigermaßen friedlich." Und noch immer zum Lachen reizt ein sterbender „Richard Ill", der mit dem Heizkörper kollidierte -was das Geschehen gewaltig enttragödisierte. Auch weiß man zu berichten, dass, beispielsweise in der Rolle eines Hieronymus Kächle, der heutige Landtagsabgeordnete Martin Grath in dem schwäbischen Schwank „10 Millionen suchen einen Erben" auf der Sassebühne stand.

Auch „Highlights" kommen in erinnernder Runde zur Sprache; Die drei TV-Aufzeichnungen etwa bei S3: 1996 „Gatte gegrillt", '97 ,,Holzers Peepshow" und '98 „Falscher Tag, falsche Tür". Auch die „Toscana Therapie" (Michael Fritz), Dario Fos „Offene Zweierbeziehung" (1990, Christina Kling mit den Preußgers) oder „Der nackte Wahnsinn", 2004 von Ulf Koepsel inszeniert, der den Verein mittlerweile verlassen hat, der „große Verdienste und kein schlechtes Wort verdient hat".

Man erinnert sich, auch als Nichtsasse heute noch an solche sehr lebendige, frische, ja freche Inszenierungen. Sind die Sassen heute weniger wagemutig? Weniger provokativ? Bräver? Bossert will diesen Vorwurf nicht gelten lassen: ,,Nein, denken Sie doch nur an unsere ,Ladies Night‘. Die war doch auch nicht ohne." Stimmt. Und andere bemerkenswerte Inszenierungen gab es auch. Freilich auch solche, bei denen man als Kritiker dann auch schon mal zwei Stunden (im Doppelsinn) am Stück litt. Da war dann auch schon mal ein Verriss fällig - was die Gesprächspartner einem „längst nicht mehr übelnehmen".

Es gäbe viel zu erzählen aus vier Jahrzehnten; und es gibt auch noch Gründungsmitglieder, die das Geschehen in vier Jahrzehnten aus eigener Anschauung kennen: Peter Ruoff, von Anfang an der maßgebliche handwerkliche Macher im Haus (heute noch hat er seine Werkstatt unterm Dachstuhl, mit Flaschenzug und auch mit eigenen, teuren Maschinen), Werner Dittrich, Rita Ruoff und Renate Preisetanz.

Und dass man in diesen 40 Jahren Kontinuität bewahren konnte, in kultureller wie atmosphärischer Hinsicht, ist auch der Tatsache geschuldet, dass man mit fünf Vorsitzenden auskam: Alois Plamper, der Gründungsmotor (1978 bis 1989), Christina Kling, seine „Kronprinzessin" (bis 2003), Ulf Koepsel (bis 2010), Michael Waibel (bis 2013) und seither Ulrich Bossen.

Den Sassen ist nicht bange vor der Zukunft; und jetzt, an der Schwelle zum Übertritt ins fünfte Jahrzehnt, sind auch zwei Inszenierungen in Arbeit: ,,An guada Rutsch!" wünscht man sich; Premiere ist am 12. November. Regie führen Ingrid Bossert und Heidi Pfeffer. Und weil man den Theaternachwuchs auch künftig keineswegs vernachlässigen will, ist auch dafür ein Stück in Arbeit: ,,Sondra und der Regenbogen", inszeniert von Christina Kling und Erika Welches, wird am 27. November erstmals öffentlich gezeigt.

Manfred Allenhöfer

 

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