Ladies Night (Heidenheimer Zeitung – 29.02.2016)

„Ein Haufen wildgewordener Weiber“

„Ladies Night“ im Sasse-Theater: Premierenpublikum war nach Männerstrip ganz und gar aus dem Häuschen

Zum Schluss der Premiere flogen rote Rosen und BHs auf die Bühne. Nun gut, das war vorbereitet von pfiffigen Aktivisten des Sasse-Theaters, die das Stück ja bereits eine Woche zuvor, bei der internen Erstaufführung, sehen und deshalb seine Publikumswirksamkeit einschätzen konnten.

Aber die Begeisterung war echt, mit der die Rosen, die in der Pause im Publikum verteilt wurden, von allen Seiten des Schnaitheimer Theaterchens gen Crew geworfen wurden. Dazu kam Johlen und heftiges Klatschen und Trampeln auf dem Boden: Das Publikum war kaum zu bremsen.

Das Sasse-Theater hat mit „Ladies Night“ einen Kracher im Programm; die vielen Blindbuchungen, die schon vor der Premiere die bisher geplanten zwölf weiteren Aufführungstermine ordentlich in Beschlag genommen haben, dürfen sich bestätigt sehen. Zusätzliche Aufführungen könnten erforderlich werden.

Das Stück der beiden Neuseeländer Stephen Sinclair und Anthony McCarten ist als „Ganz oder gar nicht“ verfilmt worden und war deshalb so erfolgreich, weil es soziale Tristesse, sensibel und unexhibitionistisch aufbereitet, mit dem saftigen Thema Erotik und Männerstrip verbindet. Der Film war ein Welterfolg, zu Recht; und er war Chance für den Schnaitheimer Theaterverein und versprach große Resonanz, wie gleichermaßen Problem und Hypothek – setzt der Film doch die Meßlatte, an der sich die Amateur-Inszenierung in irgend einer Weise halt doch messen lassen muss. Aber diesen Spagat hält die Inszenierung ganz gut aus, auch wenn sie die soziale Fundierung des spektakulären Männerstrip-Hammerthemas, diplomatisch formuliert, zumindest nicht übertreibt. Und auch das gelegentlich etwas eckige Spiel passt ganz gut zu den strippenden Underdogs, die bei allem Erfolg doch immer „authentisch“ bleiben wollen.

Das Geschehen startet mit sechs Freunden, die aus einem Pub geworfen werden. Hier wird die Herkunft des proletarischen Sextetts keinesfalls unterschlagen: „Wir sind arbeitslos und prügeln uns in Kneipen ’rum – was für ein Leben!“, sagt einer der Akteure. Und das Unterschichtsmilieu wird bildhaft in den Bühnenhintergrunds-Projektionen, die eine aufwändige technische Neuanschaffung des Theatervereins gut zu nutzen wissen.

Die sechs Freunde finden in der Zeitung einen Verweis auf die Chippendales, die „einem Haufen wildgewordener Weiber“ je stolze 30 Pfund Eintrittsgelder abverlangt.

Das sei, so finden sie, verdammt viel Geld „für ein bisschen Arschwackeln“. Das könnte doch auch was sein für die sozial derangierten Jungs – „aber glaubt Ihr, wir haben den Body dafür?“ Noch’n Bier geköpft, dann folgt die Erkenntnis: „Auf die inneren Werte kommt es an, nicht nur auf den Body“. Sie geben sich, in leiderfahrenem Masochismus, den Arbeitstitel „Die schwabbelnden Säcke“. Und ein besonders voluminösen Mitglied der Clique zieht daraufhin blank – in diesem Fall den Bauch, den man als bemerkenswert qualifizieren kann, ohne allzu inkorrekt zu sein.

Und schon dabei zeigt sich das ganz große Plus der Inszenierung von Christina Kling und Uwe Weinrich: Die Figuren ebenso wie ihre Darsteller, die man ja im heimischen Umfeld zumindest teilweise durchaus persönlich einzuschätzen weiß, die man kennt auch aus theaterfernen Kontakten – sie verlieren nie ihre Würde. Sie gehen an Grenzen – aber sie werden dabei nie bloßgestellt oder lächerlich gemacht; und auch ihre Darsteller brauchen keinen Moment zu befürchten, der Häme anheim zu fallen: Die Situationen sind lustig, aber man macht sich nicht lustig über die Akteure. Das gilt selbst dann, wenn eine Figur, die stottert und als nicht die hellste erkennbar sein soll, bei der ersten Probe im grünen Jumpsuit mit rosa Stola und Gamaschen sich hervorzuheben wagt: „Ich lasse es nicht zu, dass Du mein Selbstbewusstsein minimierst“, sagt er zu einem Kumpel, als der erste Auftritt der Stripcrew terminiert ist und die Nerven blank liegen. Die Jungs werden aktiv und dabei durchaus selbstbewusst. Sie wollen sich nicht einfach passiv „ganz da unten“ im sozialen Matsch suhlen. Unmittelbar vor dem Erstauftritt wird die Pseudoschwuchtel wie ein Wurm auf dem Boden kriechen, paralysiert vom Lampenfieber, das auch die anderen Mitglieder der nun als „Die wilden Mustangs“ firmierenden Gruppe plagt – jeder würde jetzt lieber kneifen.

„Da draußen sitzen 500 kreischende Schäfchen. Sie sind gekommen, um Euch zu sehen“, sagt die Männer-Choreografin Glenda. Auf die Bühne zu gehen sei „Euer Job“, für den sie, so der ursprüngliche und eigentliche Antrieb, „gut bezahlt“ würden. Und Skrupel der Kumpel seien egal: Die Frauen im Publikum „wollen einen tollen Abend verbringen; die haben ihre eigenen Probleme“ und wollten mal was anderes sehen.

Die Jungs lassen sich von ihrer sozialen Domina auf die Bühne treiben – und zelebrieren im Sasse- Theater eine aufreizende Show. Ihrer knackige Trainerin gelingt es, allen Schwierigkeiten zum Trotz, schließlich die Jungs doch als „saftige Sahneschnittchen zu servieren“.

Glenda zum Publikum: „Wer sauberes, klinisches Entertainment erleben will – dort hinten ist der Notausgang. Ich möchte, dass Ihr Euch so richtig gehen lasst“, ist die Direktive ans Sasse-Publikum, das sich bei der Premiere prompt nicht lumpen lässt.

Das ist jetzt die Gelegenheit, den Mut des Ensembles zu loben: Es stellt sich bloß – ohne sich auch nur einmal zu blamieren. Es traut sich eine ganze Menge – und das noch nicht einmal primär, weil immer wieder nackte Haut (plus Tattoos) zu sehen ist. Da werden kräftige Wampen oder blanke Hintern präsentiert.

Das ist, zumal in der Provinz, ganz schön kess. Aber da werden auch Charaktere geformt, die ursprüngliche Loser waren – und hier dennoch als Persönlichkeiten ernst genommen werden. Der große Verdienst der „Ladies Night“: Bei aller Bereitschaft zur szenischen Drastik, bei aller Lust an der Zur-Schau-Stellung – keine Figur und kein Darsteller wird in irgendeiner Weise beschädigt. Zu loben sind hier Lara Wöhler als freizügig feminine und doch bestimmende Frontfrau Glenda und die männliche Crew Marc Jahraus (wie Regisseur Weinrich ein Spross des Naturtheaters), Dennis Hassler, Markus Beuther, Peter Hessenauer, Christoph Kicherer, Benjamin Hessenauer und Jacques Welches.

In der Schlußszene kommen „Die wilden Mustangs“ im schwarzen Anzug auf die Bühne. Sie bewegen sich rhythmisch, werfen das Sakko ab, das Hemd öffnet sich mit einem Riss. Dann wird der Gürtel sorgsam aus seinen Schlaufen gezogen. Schließlich stehen sie im knappen schwarzen Tanga vor ihrem johlenden Publikum. So viel sei verraten: Auch der wird noch, an seiner Hüftschleife, gelöst – und sie präsentieren sich frontal, doch ohne peinlich entblößt zu sein. Klatschen, Johlen, Trampeln, Rufe nach einer Zugabe: Und die gibt es dann tatsächlich. „Die wilden Mustangs“ entern noch einmal die Bühne, nun in weißen Bademänteln mit Namensschriftzug. Auch das Frottee wird gelöst – nun ist’s ein anderes und gleichfalls unpeinliches Untendrunter.

Die Sasse zeigt sich provokativ freizügig – doch weder billig noch ranschmeißerisch. Die Würde auch der Stripper bleibt unangetastet.

Manfred Allenhöfer

 

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