Und dabei isch er kerngesund (Heidenheimer Zeitung – 27.10.2015)

„Wrack“ in schwankhaften Untiefen

Premiere im Schnaitheimer Sasse-Theater: Moliere-Stück als Schwank in „Und dabei isch er kerngesund“

Es war der Abend des Robert Makowitzki: Er hat die Hauptrolle im neuen Herbststück des Sasse-Theaters. Er ist der eingebildete und zuletzt läuterungsfähige Kranke in Peter Pflugs Moliere-Adaption „Und dabei isch er kerngesund“ – ein Entenklemmer an Empathie.

Molieres letztes Stück, ein eindrucksvolles Stück Welttheater, dessen vierte Aufführung 1673 der Autor, der auch die Rolle des Titelhelden übernommen hatte, nicht überlebte (realer, uneingebildeter Blutsturz!), wird in Pflugs vermeintlich aktualisierender Reduktion und dann in der Sasse-Bearbeitung durch die „Equipe Papillon“ (dazu später mehr) zum schwäbischen Schwank. Dazu bekennen sich die Schnaitheimer Theatermacher auch, wenngleich der (nichtschwäbische, doch hier wohnhafte) Regisseur in einer früheren Verlautbarung angab, zwar endlich mal „ein schwäbisches Stück“ inszenieren zu wollen – doch „allerdings keinen Schwank“.

Ein solcher, mit allen dazu gehörigen inhaltlichen Implikationen, ist es jetzt aber doch geworden. Lustig also soll es zugehen; und ausgesprochen belustigungswillig war das Publikum auch bei der Premiere im ausverkauften Sasse-Theater. Es geizte nicht mit Klatschen und Kreischen und Lachen – die Aufführung war ihm ein durchgehendes, brutto zweieinhalb Stunden währendes Vergnügen.

In dessen Mittelpunkt, da sind wir wieder beim Anfangssatz, eben Robert Makowitzki stand. Man tut dem gelernten Schauspieler und Sasse-Bühnenheroen nicht Unrecht, wenn man ihn einen hochbegabten „Charakterdarsteller“ nennt. Denn Makowitzki schafft es, was der Inszenierung und den Spielern an seiner Seite nicht gelingt: seinem Part eine feine Doppelbödigkeit zu geben.

Er brilliert mit seiner wandlungsreichen und hoch differenzierenden Mimik ebenso wie mit seiner modulierungsfähigen Stimme. Herrlich trocken und gleichwohl vielschichtig ist seine Gestaltung eines „menschlichen Wracks“, das am Ende voller Begeisterung Treppenstufen nicht hochsteigt, sondern triumphierend erschreitet. Er gibt einen wunderbar ambivalenten Charakter, der bellt und knurrt und geifert und tobt – und dabei doch große Verletzlichkeit glaubhaft macht.

Makowitzki spielt den Bauunternehmer Leonhard Klawitter, der es aus kleinen Verhältnissen zum millionenschweren Bürger gebracht hat. Er hat sich, wie die Ferndiagnose seines künftigen Schwiegersohns lautet, „hochgearbeitet und es zu Wohlstand gebracht. Dann wurde er allein gelassen“: Seine Frau stirbt, die beiden Töchter werden selbstständig und streben in gehobene, eher handwerksferne Sphären. 

„Mit seiner Hilflosigkeit tyrannisiert er seine ganze Umgebung“, fazitiert der Schwiegersohn, der gelernter Mediziner ist und damit Angehöriger eines Berufsstands, der absolut ungelitten ist im Haus des früheren Baulöwen – erkennt doch keiner die gesundheitliche Hinfälligkeit des wohlhabenden Hypochonders an. 

Die Rolle der Medizinerschaft hat Autor Peter Pflug komplett umgedeutet; ob man das für eine „zeitgemäße“ Nowendigkeit halten muss, sei dahingestellt. Für das wohlfällige Funktionieren des Schwanks ist das aber kein Problem. 

Der reiche, vermeintliche Todkranke schart um sich ein Personal, das ihm wohl gesonnen ist (zwei Töchter, Haushälterin/Kindermädchen) und dazu eine verwitwete Nachbarin, die ihn umschmeichelt und sein beträchtliches Erbe zu  erschwindeln versucht. Robert Makowitzki stellt also den tragenden Mittelpunkt dieser Inszenierung. Neben ihm noch einigermaßen bestehen kann Marion Hessenauer als seine langgediente, oft genug lautstark renitente und doch treu ergebene Hausseele Minna, die zudem als französelnde Pendelschwingerin beträchtliches komödiantisches Talent entfalten kann.

Insgesamt bietet das Herbststück der Sasse sieben Akteure auf. Der eingebildete Kranke (der eine eigentlich beeindruckende Maske verpasst bekam – ein siebenköpfiges Team steht, laut Programmheft, dafür gerade, und auch für die bei der Premiere notwendig gewordene Rändersanierung in der Pause) hat zwei Töchter: Jacky Lechner ist eine selbstbewusst aufbegehrende Spätpubertierende, Sarah Schön ihre oft ein bisschen quietschende ältere Schwester.

Dann ist da noch die erbschleichende Nachbarin Frau Hintersatz, die mit verhalten vorsätzlicher Hinterfotzigkeit von Christiane von Ohlen gespielt wird (die übrigens einmal, schöner Insider-Joke, auf die Kinovorführung von „Die Schöne und das Biest“ verweisen darf – was ja diesen Sommer auf der Freilichtbühne am Brenzursprung, wo von Ohlen stark engagiert ist, gegeben wurde).

Und da ist Dennis Hassler, der den Schwiegersohn des Haupthelden spielt – oszillierend zwischen dem gesellschaftsgehobenen Mediziner und dem handwerkerehrlichen Elektriker, dem der eigentlich einfach strukturierte Schwiegervater mit Freude den töchtervergebenden Zuschlag gibt.

Und schließlich ist da noch Matthias Zimmermann, der mit Karin Mateja die „Equipe Papillon“ bildet, die als regieführend im Programmheft ausgewiesen ist: Die beiden gaben sich den Namen, als sie, ebenfalls spielleitend, noch am Sasse-Frühlingsstück „Schmetterlinge sind frei“ arbeiteten. 

Und Matthias Zimmermann tritt auch in einer Doppelrolle auf, die ihn als komisches Talent ausweisen soll: als testamentsformulierender Notar und als Pseudoguru mit glänzender Kunstlanghaarperücke. In beiden Fällen bringt er Farbe in die Aufführung, ohne jedoch für schillernden Glanz zu sorgen.

Es geht in der schwäbischen Moliere-Erinnerung schon auch um das Streben nach gesellschaftlicher Anerkennung, ja nach Liebe, tiefere Ebenen samt Selbstzweifeln werden durchaus angeleuchtet. Doch ziemlich aus der Ferne: das Sasse-Herbststück bietet, trotz Makowitzkis Glanzleistung, keinen großen Theaterabend. Kurzatmige Vergnüglichkeit muss reichen.

Manfred Allenhöfer

 

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