Schmetterlinge sind frei -retro- (Heidenheimer Zeitung – 03.03.2015)

Wundersame Metamorphosen

„Schmetterlinge sind frei“: Premiere des Frühlingsstücks des Schnaitheimer Sasse-Theaters

Oft genug erlebt man auf Bühnen nervende Stereotypen: Gestalten, die fleischgewordene Klischees sind. Das kann ja durchaus unterhaltsam sein, und nicht zuletzt populär oder gar „volkstümlich“ sein wollende „Komödien“ bedienen sich dieser Figurenzeichnung, um vordergründige Pointen einfacher platzieren zu können.

In Leonard Gershe haben wir einen Komödienschreiber, der in der Tradition des US-Boulevardtheaters steht, das ja, in guten Beispielen, mit Klischees trefflich zu spielen versteht. Und auch Gershe, 1922 in New York geboren, will souverän mit szenisch-charakterhaften Typen spielen: „Butterflies are free“ ist seine bekannteste und erfolgreichste Komödie, die am Broadway die seltene Auszeichnung einer vierstelligen Aufführungshäufigkeit verzeichnen konnte.

Doch in dieser Komödie, die 1969 am Broadway erstaufgeführt wurde, will Gershe ausdrücklich die Wandelbarkeit komödiantischer Charaktere demonstrieren. Dazu hat er einen ausgesprochen sinnigen Titel gewählt, sind die scheinbar so feinflügeligen Schmetterlinge für viele doch der Inbegriff, nein: nicht der Flatterhaftigkeit, sondern der Leichtigkeit des Entschwindens, letztlich der Freiheit des Da-Seins. „Butterflies are free, and so are we“, heißt es entsprechend in einem Song, den die Hauptfigur des Stücks geschrieben hat und immer wieder gerne vorträgt. Das Symbol ist gut gewählt: Denn der Schmetterling ist nämlich auch insofern die Inkorporation der Wandelbarkeit, als er ja aus der unspektakulären Schmucklosigkeit einer pflanzenständigen Raupe zu einem oft wunderschönen und jedenfalls scheinbar schwerelos orts- und richtungswechselnden Flattertier wird.

„Schmetterlinge sind frei“ ist ein Vier-Personen-Stück; und der Hälfte des Personals gönnt der Autor am Schluss eine wundersame, schmetterlingshafte charakterliche Metamorphose: Nach entsprechender dialogischer Frontalbeschießung verpuppen sie sich, um schließlich als geläuterte Charaktere zu agieren.

Freilich: Bei Gershe wird da Weiss aus Schwarz, die charakterliche Volten sind 180-gradige Totalkehrtwenden. Das wirkt dann auch schon wieder klischeehaft und ist jedenfalls keine charakterhafte Feinzeichnung.

„Schmetterlinge sind frei“ ist das Frühlingsstück des Sasse-Theaters, die Premiere fand am Samstag im schmucken Schnaitheimer Kleintheater statt; sie war lange schon ausverkauft und endete mit langen Ovationen des Publikums, die die Spieler auch redlich verdient hatten.

Der gelegentlich überpädagogisierende Inhalt des Zweistünders ist rasch erzählt: Don ist seit seiner Geburt blind; als junger Mann will er dem Zugriff der überfürsorglichen Mutter entfliehen und nimmt sich ein Zimmer in NY.

Seine Nachbarin dort ist Jill, eine junge, flippige Frau, die als Schauspielerin reüssieren will, für den Augenblick lebt und mit dem so deutlich anders gestrickten Don rasch eine Affäre beginnt.

Doch Dons Mama kann nicht loslassen und besucht ihren durchaus lebenstüchtigen Sohn in seiner heruntergekommenen Großstadtbude. Sie stößt frontal auf das mit sich selber gut beschäftigte Pärchen. Der Sohn erklärt sich als nicht rückkehrbereit und rebelliert; und auch seine Geliebte liest der Mutter die Leviten - mit der Folge besagter 180-gradiger Wandlung: Die Mutter befürwortet nun die weitere menschliche Reifung des Sohnes im großstädtischen Umfeld und verzichtet generös auf mutterhäusliche Rückführung.

Und die zweite wundersame Transformation: Jill, die Flatterhafte, hat von einem dubiosen Regisseur eine Nebenrolle zugesagt bekommen und will deshalb von Dons in dessen Wohnung wechseln und sich damit auch erotisch neu orientieren. Doch sie kehrt zurück, als der Blinde ihr vorwirft, „emotional verkrüppelt“ zu sein und „nichts auszuhalten, was nach Dauer aussieht“. Das wird zum Super-Happy-End mit lauter geläuterten Gutmenschen, das freilich auch schon wieder ziemlich klischeehaft wirkt.

Die farbig in die Siebzigerjahre („retro!“) versetzte Sasse-Inszenierung, die Matthias Zimmermann mit Karin Mateja und Jessica Barth besorgt hat, geht flott über die stimmig und stilvoll ausgestattete Rampe, die den rebellischen Geist jener Zeit mit allerlei Graffiti und Symbolen inklusive Pril-Aufklebern vergegenwärtigten (Bühnenbau: Peter Ruoff ).

Das vierköpfige Ensemble agiert selbstbewusst und textsicher sowie szenisch, was bei solcherlei Vorlagen nicht selbstverständlich ist, völlig frei von Peinlichkeiten. Auch Schlüpfrigkeiten und darstellerische Mutproben, etwa ein Auftritt in knappen Dessous, werden mit sicherem Gespür wirkungsvoll realisiert.

Die Darsteller agieren gekonnt und vermögen durchweg zu gefallen; Regisseur Zimmermann hat ordentlich mit den Amateurspielern gearbeitet und für sehr respektable mimische Leistungen gesorgt.

Die Hauptrolle hat der 25-jährige Benjamin Hessenauer inne, der von Anfang an einen erkennbar blinden Don gibt und dem lebenstüchtigen Wesen des Sichtlosen positive Konturen ertastet. Ihm zur Seite steht Daniela Reuter als Jill, die Flatterhafte, die am Ende doch, ostentativ geläutert, zu Don zurückkehrt. Mit ihren wechselnden und auch gewagten Kostümierungen bringt die Bibliothekarin Farbe und Drive in die Inszenierung - sowie große Sexiness, zumal in der ausgesprochen antithetischen Nachliebesszene mit Don.

Ein Sasse-Routinier ist Sabine Reiner, die Dons besorgter und schließlich umdenkungsfähiger Mutter forsch und ungluckenhaft Leben gibt. Vierter im darstellerischen Quartett ist schließlich Dennis Hassler, ein Bühnenneuling, der sich, bei aller agierender Breitbeinigkeit, gut ins Niveau seiner Mitspieler einpasst.

Die Figuren agieren mit lebendiger Plausibilität und sorgen so für einen unterhaltsamen Abend mit einem erkennbar gut gemeinten und dabei doch nicht anspruchslosem Stück.

Manfred Allenhöfer

 

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