Die bessere Hälfte (Heidenheimer Zeitung / HNP – 13.11.2012)

"Ein bisschen wirr"

Alan Ayckbourns "Die bessere Hälfte" als Herbstkomödie im Schnaitheimer Sassetheater.

Affäre, Affäre – wild hechelt „Die bessere Hälfte“. Das Herbststück des Schnaitheimer Sassetheaters, jedem Zipfel eines möglichen Techtelmechtels hinterher. Aber das ist schließlich theaterwirksam; und der alte Komödienhase Alan Ayckbourn, aus dessen Feder die zweieinviertelstündige Komödie floss, weiß schon, wie er das komödiantische Maschinchen schmieren muss. Sein durchaus fein gesponnener Schwank hat Tempo und Bewegung, ist inhaltlich und sprachlich ziemlich gewitzt – die Sassen bieten in dieser Inszenierung flotte und nicht unintelligente Unterhaltung.

Drei Paare stehen da auf der Bühne; und alles dreht sich darum: Wer mit welcher? Wer hat – wer könnte – wer könnte gehabt haben? Das befeuert, in oft überraschenden Paarungswechseln, die Komödie, die bei der Premiere bestens ankam.

„Je länger man zusammen ist, desto größer wird das Garnix“, faselt da etwa ein routinierter Ehemann, der sich seiner Sache resp. seiner Ehe sicher zu sein scheint und andere nun wiederum nur vermeindlich Gehörnte aufzuklären vorgibt. Da gibt es außerdem Briefe und Telefonate mit „Mr. Relevant“ oder eine bereitwillig installierte „Ordnung“, die alles durcheinander bringt.

„Die bessere Hälfte“ ist eine turbulente, manchmal gar exaltierte und jedenfalls mit einigem Theaterverstand konstruierte reinrassige Komödie, die an gesellschaftlichen Problematisierungen keinerlei Interesse zeigt.

Das Besondere an diesem Affärenstrudel ist die Synchronizität des Geschehens, die Ayckbourn prinzipiell vorgegeben, die aber das Schnaitheimer Spielleitungstrio noch forciert hat, mit teilweise schnellen „Schnitten“. Im Vorwort des Programmheftes befürchten Marion und Benjamin Hessenauer (das sind Mutter und Sohn) sowie Matthias Zimmermann (Assistenz) besorgt, für das Publikum könnte „die Gefahr bestehen, ein bisschen wirr zu werden“. Aber die jeweiligen Kuppel-Konstrukte werden dann doch hinreichend sorgsam herausgearbeitet.

Drei Ehepaare agieren da auf der Bühne; und die Männer arbeiten in derselben Firma. Frank ist Abteilungsleiter, William wird gerade in seinem Bereich befördert, in dem Bob schon länger tätig ist.

Drei ganz unterschiedliche und allesamt ziemlich desolaten Ehen werden damit präsentiert. Und der Chef, der „Gehörnte!, ist beständig auf der eigentlich gutgemeinten Suche nach Klärung vermeintlicher Missverhältnisse seiner Untergebenen bzw. deren Ehefrauen.

Das wirkt, ganz bewusst, meist ziemlich an den Haaren herbeigezogen. Der Zuschauer, das ist Teil seines Vergnügens, weiß Bescheid – und freut sich umso mehr über all die behaupteten Irrungen und daraus folgenden Verwirrungen. Und es ist ein schöner Kunstgriff des Komödien-Könners Ayckbourn, dass er die wirkliche Affäre zumindest auf der Bühne bis zum Schluss unentdeckt lässt.

Sechs Sassen bieten das sex-fundierte Geschehen dar – und sie tun es mit insgesamt recht erfreulicher Stringenz. Und spielen doch mit ziemlich ungleicher Prägnanz.

Am besten gefallen konnte Erika Welches als Bobs Ehefrau Teresa. Sie ist von großer spielerischer Präsenz und besitzt ein wunderbares komödiantisches Talent, das sie aber teilweise gar wieder ein wenig zurückzunehmen scheint, um nicht allzu sehr zu dominieren. Hinreißend ist schon ihr erster Auftritt als schlafzimmer-entstiegener Traum in Rosa und Gelb.

Auch sehr gut gefallen kann Peter Hessenauer (real der Mann der Spielleiterin) als ihr Bob, nicht zuletzt in der Suffszene. Die Ehe ist kaputt, die fehlende Basis wird durch das beständig störende und für viel Bühnenbewegung sorgende (szenisch abwesende) Enkelbaby nicht gerade vergrößert.

Chef Frank wirkt daneben eher ein wenig unbeholfen, obgleich er es ist, der durch seine beflissene Affären-Suche, ja -sucht das Geschehen maßgeblich vorantreibt: Volker Schnabel spielt, zumal mit oftmals heraushängendem Oberhemd, nicht allzu autoritativ.

Und Regine Czichon als seine fremdgehende Frau Fiona ist nicht unbedingt eine femme fatale; sie wirkt manchmal eher künstlich exaltiert, etwa bei ihrem Wutausbruch als scheinbar bloßgestellte Troublemakerin.

Und da ist dann noch das meist fremdbestimmte Paar William und Mary: Angela Brandt gefällt als gesellschaftsgetrimmtes Geschöpf („Wie viel Zeit ich in diese Frau investiert habe“, jammert ihr Mann – das erinnert durchaus an die Hauptfigur von „Pygmalion“, was Sasse Ulf Koepsel ja im Sommer 2013 auf der Königsbronner Freilichtbühne inszenieren wird), nicht zuletzt bei ihren grimassenbegleiteten alkoholischen Schluckversuchen. Und Uwe Weinrich ist ihr effektvoll funktionierender und schließlich ausrastender Buchhalter-Ehemann.

Das spielerische Sasse-Sextett sorgt für einen gefällig komödiantischen Durchlauf, der insbesondere bei den synchronen Tischszenen (dank Drehstühlen in rasanter Abfolge) und den slapstickhaften und dann eingefrorenen Momenten bestens zu unterhalten vermag.

„Die bessere Hälfte“ stellt sechs eher ungeratene Ehehälften vor, die für einen flotten, bewegten Komödienabend sorgen. Das Herbststück der Sasse bietet reine Unterhaltung – mittels seines Stückes, dass der 1939 geborene erfolgreiche Engländer Ayckbourn mit großer komödiantischer Raffinesse geschrieben hat.

Manfred Allenhöfer

 

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