Tratsch im Teppenhaus (Heidenheimer Zeitung / HNP – 29.10.2014)

Stufenweise Wahnsinn beim Sasse-Theater

Gegen die Neugierde dieser Frau Boldt ist die der NSA ein Witz. In diesem Fall sogar: ein Treppenwitz. Buchstäblich zwischen Tür und Angel spitzeln, streiten und paktieren die Darsteller in Jens Exlers Komödie "Tratsch im Treppenhaus", deren Inszenierung von Ingrid Bossert nun im Sasse-Theater Premiere hatte.

Peter Ruoff und Darius Jaschulek haben dafür einen holzgetäfelten Albtraum von einem Treppenhaus in Braun bis Beige gebaut, eine Bühnentristesse fast a la Marthaler, stilistisch irgendwo zwischen den 50er und 70er Jahren stehengeblieben. Wobei auch so mancher Mietshausbewohner von heute den gnadenlosen, gegenwärtigen Realismus in diesem Bühnenbild erkennen wird. Das Kehrwochenschild wurde nicht vergessen.

Die Treppe, die die Bühne zum titelgebenden Treppenhaus macht, führt rechts nach unten. Fünf Türen, eine zum Wäscheboden, hinter den restlichen vier hausen die Akteure. Ganz rechts: Frau Knöpfle, in ihrer biederen Gutherzigkeit treffend dargestellt von Christiane von Ohlen.

Jene Frau Knöpfle hat nun jüngst die zweite Tür von rechts an Silke Seefeld untervermietet. Jessica Weber lässt die nach einem Streit mit dem Vater geflohene Tochter wie ein frischer Wind durch den Mietshaus-Mief wehen. Ihre mietvertragswidrige Anwesenheit und die aufkeimende Liebe zu (dritte Tür von rechts) Markus Brummer wirft die Verhältnisse in der Hausgemeinschaft gründlich durcheinander.

Christoph Kicherer ist der ebenfalls elternhausflüchtige Markus Brummer, der wiederum Asyl bekommen hat bei (vierte Tür von rechts) seinem Onkel Ernst Brummer, einem pensionierten Beamten, den Ulrich Bossert liebenswert und drollig personifiziert.

Charmant spielt auch Kicherer das Liebesobjekt seines Gegenparts Silke Seefeld. Zwischen ihren Türen blüht eine Orchidee. Wenn das nicht viel sagen will?

Und der Hausfrieden wäre im Großen und Ganzen gewahrt, abgesehen von ein paar Uneinigkeiten über die Musikbeschallung. Wäre da nicht Heidi Pfeffer in der Rolle der Frau Boldt, die in ihrer Rolle als rastlose Intrigenspinnerin und selbsternannte Ordnungshüterin des Hauses voll und ganz aufgeht. Als überragende Darstellerin des Stückes sorgt sie dafür, dass der Wahnsinn immer noch eine weitere Stufe erklimmt.

Sie ist es schließlich auch, die den Hauswirt und Metzgermeister Huber ins Spiel bringt, um die Wohnverhältnisse wieder in geordnete Bahnen zu lenken.

Und wahrlich, Robert Makowitzki in Gestalt dieses Herrn Huber möchte man nicht im Treppenhaus begegnen, geschweige denn, mit dieser menschlichen Naturkatastrophe samt ausufernder Mimik und Gestik aneinandergeraten. Es sei erwähnt, dass Makowitzki in diesem Stück in einer Doppelrolle zu sehen ist. In den ganz unterschiedlichen Charakter von Herrn Seefeld, Silkes Vater, wechselt er mühelos.

Wie sich welche Intrige entwickelt und wer sich mit wem über welche Figur das Maul zerreißt, das erlebt man am besten selbst. Auch von den Pointen, derer es wirklich zahlreiche gibt, soll hier keine verraten werden.

„Tratsch im Treppenhaus“ wurde Anfang der 60er in der plattdeutschen Originalfassung uraufgeführt, dann hochdeutsch mehrfach im Fernsehen übertragen.

Die leicht angeschwäbelte und modernisierte Fassung des Sasse-Theaters sollte man sich auf jeden Fall antun. Mieter werden ihre Verhältnisse darin mit Schaudern und Lachen wiedererkennen, Hausbesitzer stille Schadenfreude empfinden – und wie schon gesagt, lassen sich vom kleingeistigen Etagenmilieu mühelos Parallelen zur aktuellen Bespitzelungsdebatte ziehen. Wobei die Inszenierung wohlgemerkt ganz darauf verzichtet. Vermeidung platter Anspielungen oder unpolitische Verinnerlichung? Das Internet als Hausgemeinschaft? Von einer leichten Komödie darf man vielleicht nicht zu viel fordern. Doch das muss jeder selbst entscheiden.

Matthias Masel

 

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