Goethe von hinten - oder Die wahre Stella (Heidenheimer Zeitung – 22.07.2014)

Bei Fehltritt Mord

Die „Junge Sasse“ feierte Premiere mit der Komödie „Goethe von hinten“

Das Theater hinter der Bühne kann gelegentlich viel dramatischer sein als auf der Bühne: Genau dieses Spektakel zeigt die Komödie „Goethe von hinten – Die wahre Stella“, mit dem die Junge Sasse am Samstag Premiere feierte.

Die Damengarderobe eines Provinztheaters ist Dreh- und Angelpunkt des Geschehens. Garderobiere Jasmin (Lara Maria Wöhler) wird zur Anlaufstelle der beiden Hauptdarstellerinnen Nata (Isabelle Erfurt) und Verena (Jackie Lechner) wie auch der Regisseurin Zarah (Jessie Barth) und ihrer Assistentin Evi (Christina Vetter). Und alle lassen alles bei ihr ab: ihr Lampenfieber, ihren Frust und ihre Unsicherheit, sogar ihr Liebes-Wirrwarr.

Vor allem ihr Liebeswirrwarr. Denn während auf der Bühne die Proben zu Goethes „Stella“ laufen, der tragischen Dreiecksgeschichte aus längst vergangenen Tagen, stellen die Zuschauer fest: So anders ist das heute gar nicht. Denn Nata ist die Ex des Hauptdarstellers und ganz und gar nicht frei von Rachegelüsten, Verena ist die amtierende Partnerin des Vielbegehrten mit großer Furcht davor, die Ex zu werden. Und die Liebe unter Frauen klappt auch nicht so reibungslos, wie das Beispiel von Zarah und Evi zeigt.

Garderobiere Evi hat also alle Hände voll zu tun, Leidenschaften zu zügeln, Ängste zu löschen und Nerven zu beruhigen. Sie tut dies mit glänzender Gelassenheit, einigem gut ausgeprägten Geschäftssinn und einer gehörigen Portion Goethe-Zitaten, denn schließlich weiß sie: Die Bühne wäre ihr Metier – und nicht das Bügelbrett.

Sehr modern zeigt sich diese Komödie, und sie macht auch nicht davor Halt, Deftiges wie etwa die Masturbier-Szene auf dem Männerklo wenn auch nicht sichtbar, so doch deutlich hörbar zu machen – und auch sonst in Anspielungen sehr deutlich zu werden.

Das Publikum, ein durchweg junges an der Premiere, quittiert dies mit großem Gefallen, zumal die Grenze zum Trivialen, Vulgären nicht überschritten wird.

Und auch sonst steckt viel drin in diesem mit 50 Minuten Spieldauer kurzen Kabinettstückchen: Der Mann, das triebgesteuerte Wesen, bei dem Sex durchaus zum Entspannungsritual gehört, die liebenden Frauen, die im Umgang damit genau zwei Lösungen kennen, nämlich Variante A: alles verzeihen, und Variante B: Mord.

Und dazwischen: Menstruationsprobleme, die Sehnsucht nach dem Kind oder anderen positiven Schwingungen, Diäten oder Gsälzbrot. Denn Evi, die magerwahngesteuerte Geliebte der Regisseurin, zeigt sich als Schwäbin, eine der Ideen der Inszenierung von Matthias Zimmermann und Karin Mateja, wobei auch viele Einfälle von den Spielerinnen selbst aufgegriffen wurden. Doch wurden auch Gelegenheiten nicht genutzt: Das Deklamieren der Goethe-Texte etwa hätte durchaus lustvoll theatralisch ausfallen dürfen, der Esoterikhang hätte noch mehr Lacher in sich geborgen wie auch die vielen Beziehungskrisen noch mehr hergegeben hätten.

Dennoch: Für ihr Spiel zu loben sind vor allem Jackie Lechner, die der esoterisch angehauchten liebeshungrigen Verena eine lebendige Gestalt verleiht, und Isabelle Erfurt, die mit kühler Berechnung Werkzeugkoffer holt, um dem Ex-Geliebten den Garaus zu machen.

Und auch Lara Maria Wöhler macht ihre Sache als Ruhepol gut. Die richtigen Ansätze, die Lust am Theaterspielen – sie ist bei allen Spielerinnen vorzufinden. Das ist eine gute Basis, um sich weiterzuentwickeln in Sprache, Spiel ohne Text, in Stilmitteln, Pointen. Daran sollte die Truppe arbeiten.

Ein solider Anfang ist gemacht. Die geplante Verjüngungskur im Sasse-Theater kann hieran anknüpfen.

Marita Kasischke

 

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