Die Kaktusblüte (Heidenheimer Zeitung / HNP – 03.04.2012)

Ein Zahnarzt auf Abwegen

"Die Kaktusblüte": Im Sasse-Theater prallen männliche Bindungsängste auf weibliche Moralvorstellungen

Einen Film-Klassiker in ein Theaterstück verwandeln? Gar nicht leicht. Schon gar nicht, wenn Walter Matthau, Ingrid Bergmann und Goldie Hawn einst in den Hauptrollen des Films geglänzt haben. Die Premiere der "Kaktusblüte" unter der Regie von Ulf Koepsel am Samstagabend im Sasse-Theater in Schnaitheim war trotzdem ein voller Erfolg.

Nicht nur, weil der Saal ausverkauft war, sondern weil man aufgrund der amüsanten Verwicklungen der Komödie sogar manchmal vergaß, dass man im Theater saß, und sich mitten im Geschehen wähnte.

Das lag nicht zuletzt an der treffend gewählten Besetzung: Matthias Zimmermann glänzte in der Rolle des Zahnarztes Julien Deforges, ein Lebemann, der wenig von Treue hält und lieber "von Blume zu Blume fliegt". Um seine Geliebte Antonia, gespielt von Daniela Reuter, auf Abstand zu halten, gibt er vor, verheiratet und Vater dreier Kinder zu sein. Als Antonia seinetwegen einen Selbstmordversuch begeht, will er Nägel mit Köpfen machen und bittet sie, ihn zu heiraten. "Und deine Frau? Und die Kinder?"

Tja, die hätte Julien am liebsten unter den Tisch fallen lassen, aber da hat er die Rechnung ohne die "moralische Nervensäge" Antonia gemacht. Denn die hat Mitleid mit der imaginären, sitzengelassenen Gattin und will nicht als Ehe-Zerstörerin dastehen. "Ich kann doch nicht mein Glück auf einem anderen kaputten Glück aufbauen", klagt Antonia.

Sie möchte Juliens erfundene Frau persönlich kennenlernen und sich davon überzeugen, dass diese keine Einwände gegen die Scheidung hat. Nun muss also eine Ehefrau her. Zum Glück gibt's da noch die etwas frigide Sprechstundenhilfe Stephanie (Sabine Reiner). Die hat zwar "den Grad von Lieblichkeit und Unwiderstehlichkeit einer Kaktusblüte erreicht", doch Julien missbraucht sie für seine Zwecke. Da sie es ein bisschen auf den Zahnarzt abgesehen hat, ist sie bereit, ihm zu helfen und seine fingierte Ehe mitzuspielen.

Doch da gehen die Probleme und Eifersüchteleien erst los. Das Lügenkonstrukt, das eigentlich nur entstanden ist, weil Antonia nie wieder von einem Mann belogen werden wollte, wird zum unberechenbaren Selbstläufer, und die Katastrophe zieht immer größere Kreise. Höhepunkt ist ein echter Ehestreit unter den Unverheirateten, bei dem die Grenzen zwischen Realität und Phantasie endgültig verschmelzen und der in einer Sorgerechtsdebatte um die nicht vorhandenen Kinder gipfelt.

Drei Stunden dauert das Stück inklusive Pause. Die lange Spielzeit ist vor allem dem Umbau der insgesamt drei Bühnenbilder geschuldet: 14 Szenenwechsel à zwei Minuten Umbauzeit sorgten für zusätzliche 28 Minuten (ursprünglich waren es 70 Minuten!). Doch der Schwabe freut sich und sagt: Da bekommt man immerhin was fürs Geld _ in jeder Hinsicht. Denn auch die Handlung des Stücks unterscheidet sich von den typischen "Jeder-mit-jedem"-Komödien. Statt mit plumpen Verwechslungsspielen besticht "Die Kaktusblüte" mit Wortwitz, Gefühl und amüsanten Dialogen. Die Stimmung im Publikum war ausgelassen. Die Vermutung liegt nahe, dass eine Geschichte, die so absurd-komisch und dennoch so herrlich menschlich ist, eigentlich wirklich passiert sein muss. Ausdenken kann man sich so etwas kaum. Wenigstens wünscht man sich das.

Anna-Lena Buchmaier

 

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