Mitten ins Herz (Heidenheimer Zeitung / HNP – 19.04.2011)

Sinnfreies schwarzes Loch

Sasse-Theater: Zwei-Personen-Stück „Mitten ins Herz" ist eine belanglose, unkomische Suizid-Lotterie

Angekündigt war eine „schwarze Komödie" - geboten wurde aber eine blaßgraue szenische Nichtigkeit, mehr, nein viel weniger noch: eine unlogische und unpsychologische, eine fast schon verstandesverhöhnende Widrigkeit.

Man darf das, ausnahmsweise und vorab, schon einmal in dieser Deutlichkeit schreiben, um das Niveau der Spielvorlage unzweideutig zu klassifizieren. Das mag hart klingen, zumal bei der Premiere eines Amateurtheatervereins, bei der man doch meist und auch in diesem Fall das Engagement aller Beteiligten loben kann.

Zwei Spieler, zwei Spielleiter und noch manche Aktive ringsum haben sich über einen längeren Zeitraum und mit erheblichem Einsatz, das spürt man, eingesetzt für die Premiere von „Mitten ins Herz" im ebenso verdienstvollen wie liebenswürdigen Sasse-Theater.

Die intellektuell schwarzlöchrige Spielvorlage stammt von der „Erfolgsautorin" Angelika Bartram, die sich Verdienste erworben hat, erfährt man, unter anderem mit der Gründung der Gruppe „Ömmes & Oimel". Ihre Spielvorlage war offensichtlich der einzige Vorschlag für das „Frühlingsstück" des Sasse- Theaters.

Es geht dabei um eine Frau, die Selbstmord begehen möchte. Warum? Keine Ahnung, verzweifelt wirkt sie keine Sekunde. Und die Selbsttötung soll, damit angeblich „stilvoll", stattfinden zeitgleich zur TV-Abnudelung von „Vom Winde verweht". Warum? Äh .. .

Vorbereitet sind von der Frau verschiedene Möglichkeiten des Verablebens: Pistole, Gift, Medikamente, Strick, Messer etc. - soll das ein Happening werden oder eine Suizid-Lotterie?

Nun streikt just am vorgesehenen Todesabend die Kiste, der TV-Notdienst muss her - das könnte ja sorgen für originelle, möglicherweise absurde Dialoge. Aber der Austausch beginnt damit, dass die vermeintlich Lebensmüde erst einmal den weißen Mechanikerkittel bügelt - das ist ja wohl der nächste Weg zum „schwarzen" Wesentlichen. Oder Spießerkomik?

Und das geht so weiter, in unsinnigen oder sinnlosen, jedes Nachdenken verbietenden Dialogen. Bis hin zur nachdrücklichen Absicht der angeblich Lebensmüden, den Handwerker unbedingt in bar zu bezahlen - obwohl das Gerät noch immer nicht funktioniert!

Und dann, auch das ein angeblicher Clou des Unstückes: Das Publikum kann, durch Einwerfen eines Herzchens in eine von zwei Smiley-Dosen, wählen zwischen einem „Happy End" und einem „tragischen, aber versöhnlichen Ende". Gespielt wurden, zumindest bei der Premiere, beide Versionen - nach einem ein wenig befremdlichen Zwischenauftritt der beiden Akteure, die sich nun mit ihren realen Namen anreden und showmäßig von Kärtchen ablesen. Man hat sich da längst gewünscht, dass die beiden Figuren das Bühnenzeitliche gesegnet hätten. Aber nein: Man muss schon zwei Stunden lang durchhalten. Was bei der Premiere nicht jedem gelang (keine Angst: dem Rezensenten schon).

Die beiden Akteure waren der spielerfahrene Ulrich Bossert, der mit einer handwerklich durchaus gediegenen Leistung einen wenigstens das unmittelbar Szenische einigermaßen überstehen ließ. Ihm zur Seite stand die nicht so theatererprobte Marina Wunsch, die in getragener Mittel- bis Ruflautstärke und durchweg gutgelauntem Duktus die eigentlich Verzweifelt-sein-Müssende gibt. Neben Bossert wirkte sie eher ein klein wenig hölzern, was einen bei einer Amateur-Inszenierung aber nicht unbedingt gravierend stören muss.

Die beiden tun, das sei ausdrücklich anerkannt, ihr unbedingt Bestes. Sie sind für das Bühnendesaster jedenfalls nicht verantwortlich.

Vielleicht schon eher die beiden Spielleiterinnen: Ehefrau Ingrid Bossert und das Sasse- „Urgestein” Rita Ruoff haben eine Inszenierung zusammengebossel(r)t, die nicht eben vor Einfällen strotzt, die vielleicht die nichtige Vorlage noch hätten teilretten können. So weiß der TV-Mechaniker nichts Besseres, als immer wieder auf die defekte Glotze zu klopfen. Die Belanglosigkeit nimmt ungestört ihren Lauf - mehr ist da nicht.

Auch scheut die Inszenierung nicht vor mancher Peinlichkeit zurück, etwa dem gemeinsamen Singen von „I did it my way".

Ja, es war ein eigener Weg, den die Sasse mit „Mitten ins Herz" einschlägt. Ein enervierender Irr-Weg. Diese Inszenierung trifft freilich eher „Mitten ins Hirn" eines Publikums, das im Sasse-Theater schon ganz anderes erleben durfte. Statt schwarzen Humors hier also eher schwarzer Trauerflor.

Manfred Allenhöfer

 

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