Sad But True (Heidenheimer Zeitung / HNP – 22.03.2011)

Frühlings Erwachen

„Sad but true“: Uraufführung im Sasse-Theater führt direkt in die Gefühls- und Gedankenwelten Jugendlicher

Uraufführungen – das sind immer wieder spannende Ausflüge in unbekanntes Terrain. In einer immer weiter alternden Gesellschaft („Überalterung“ diskriminiert ja eigentlich die Senioren) wird die Welt der Jugend zu einem immer rareren und schon deswegen auch immer wertvolleren Reservat.

Doch wer besitzt eigentlich Innensicht in diese Welt? Jeder? Weil jeder mal jung war? Das ist, im besten Falle, ein idealistischer Irrtum. Aber doch wenigstens Eltern? Das will man hoffen, doch oft genug nicht ernstlich glauben. Politiker? Pädagogen? Konsumforscher immerhin glauben zu wissen, was junge Verbraucher, für sich oder trendsettend, haben wollen – oder sollen. Was ja schon mal was ist, doch nicht in den Kernbereich jugendlichen Denkens führt. Im Schnaitheimer Sasse-Theater unternimmt man jetzt den Versuch, einige Jugendliche sich selbst publikumsbezogen pro domo artikulieren zu lassen. „Sad but true“ heißt der zunächst ein wenig schlicht klingende Titel des Stückes, das sein Publikum nicht einmal eine Stunde lang beansprucht. Aber es ist das Ergebnis der konsequenten Kooperation einer angehenden Theaterpädagogin, die im übrigen auch mehrfache Mutter ist, mit einem Oktett von Jugendlichen. Nachdenklichkeit ist das Fundament dieses multiszenischen Versuchs, der in die unmittelbare Denk- und Gefühlswelt heutiger Heranwachsender führt.

Die ist, das weiß man aus Untersuchungen und eigener Anschauung, heterogener denn je. Und so kann man hier eingrenzen: Behandelt wird hier die Sache hiesiger Jugendlicher. Wir sind nicht in der Bronx, nicht in Kreuzberg und auch nicht im vermeintlich lieblichen Oberbayern. Nichtjugendliche Zuschauer haben die Chance, tiefere Einblicke zu erhalten in die jugendliche Nachbarschaft.

Was sieht man da? Zunächst eine wertende Aussage und ein versprechen: Traurig sei diese Welt, sad – „but true“ widergespiegelt, also wahr. Man darf den acht Akteuren, die ihre szenische Arbeit, die sehr aufwändig war (und wohl ziemlich jugenduntypisch), vor elf Monaten aufnahmen, bei all der unübersehbaren Ernsthaftigkeit schon glauben, dass das ein höchst redliches Unterfangen ist. Sie schildern einen Alltag, der schulisch wie überhaupt durchaus gewaltgeprägt ist. Ein junger Mann wird an einem Bahnhof totgetreten von vier Burschen; eingespielte Videosequenzen der durchaus vielschichtig kunstsinnigen Inszenierung zeigen eine entsprechende „Aktion“ am Schnaitheimer Bahnhof – Erinnerungen an ähnliches in München oder anderswo sind unwohlfeil.

Die Schwester des Toten bedroht in der Folge einen der Mittäter mit dem Messer; das wird aufgenommen und ins Internet gestellt – und auf Facebook kommentiert mit den Stimmen „Mach ihn fertig“ und „Gefällt mir“. Gewaltbereitschaft ist also gut vernetzt. Es geht gleichwohl auch um Liebe und den Drang nach Nähe, um Sehnsucht und Orientierungsbedürfnis. Die szenisch beschriebene, ja gelegentlich beschworene Welt ist eher geprägt vom Hang nach Harmonie, vom Bedürfnis nach Freundschaft. Eben vom dringenden Bedürfnis, sich eine auskömmliche emotionale Nische einzurichten in einem Umfeld, das das oft genug schwierig macht. Die Heidenheimerin Regine Czichon, die schon mehrere Sasse-Inszenierungen bewerkstelligt hat, machte sich hier die Mühe, ihre Abschlussarbeit für ihre (sehr aufwändige) Ausbildung zur Theaterpädagogin gemeinsam zu erarbeiten mit Marcel Weinrich, Klaudia Lagozinski, Isabell Erfort, Dennis Hurler, Sophia Schäffer sowie Jan-Felix, Lisa-Maria und Laura Czichon.

Regine Czichon hat den Text verfasst – maßgeblich nach Vorlagen dieses jungen Oktetts, das seine Gedanken- und Gefühlswelten zu offenbaren bereit war. Czichon hat ihnen immer wieder Fragen gestellt, die diese dann auch schriftlich beantworteten: Was wollt Ihr schon immer mal realisieren? Wovor habt Ihr Angst? Die Antworten geben nun die rasch folgenden Szenen – das Publikum (das bei der Uraufführung Sasse-untypisch das Theater nicht zum Platzen brachte) bekommt also quasi „O-Töne“ zu erleben – eine reizvolle Seltenheit. Die eher unterkühlt gespielte, nicht mit Nachdruck auf Identifikation abzielende Aufführung endet, nach Stationen in der Schule etwa oder auf einer Nähe nicht nachhaltig schaffenden Party, mit einem zweiten Toten. Ein alkoholkranker Vater stirbt, weil Frostschutzmittel im Sprit war – eingefüllt, wie eine weitere Videoeinspielung auf dem multifunktionalen Paravent zeigt, von seiner Tochter. Wieder Gewalt. Und drei Worte fallen noch: „Alles wird gut“.

Nein, heil ist die Welt auch Heidenheimer Jugendlicher längst nicht mehr. Ganz überraschend ist das ja nicht – aber hier wird’s ambitioniert, authentisch und gleichwohl artifiziell präsentiert.

Manfred Allenhöfer

 

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