Das Gespenst von Canterville (Schwäbische Post – 26.11.2010)

Harte Zeiten für das Schlossgespenst

Sasse-Theater Heidenheim bezaubert mit einer frischen, lockeren Inszenierung von „Das Gespenst von Canterville“

Auch im Leben eines Gespenstes können Dinge schief gehen. Am schlimmsten ist es, wenn es nicht ernst genommen wird und wenn sich keiner vor ihm gruselt. So geschehen mit Sir Simon auf Schloss Canterville, als dort eine amerikanische Familie einzog.

Wie es dem Schlossgespenst doch noch gelingt, sich Respekt zu verschaffen und es dabei immer knuffig liebenswert bleibt, zeigt die Sasse-Truppe in einer frischen, lockeren Inszenierung.

Gespenster betreten nicht einfach einen Raum, nein, sie erscheinen durch die Wand, oder sie schlüpfen durch den Kamin. Auch Schlossgespenst Sir Simon (Benjamin Hessenauer) nimmt den Weg durch den Rauchfang. Unzählige Male rauscht er im Laufe des Stücks an der Feuerstelle heraus und man kann eigentlich nur staunen, wie behende das selbst am Ende des Stückes noch geht, und dass die voluminöse Haarpracht bei dieser sportlichen Übung keinen Schaden nimmt. Überhaupt hat der Aufzug des Gespenstes – mit Rüschenhemd und Kniebundhose – etwas lebensfreundlich Barockes. Fürchten muss sich da kein Kind.

Dementsprechend respektlos geht der Nachwuchs der amerikanischen „Barbarenfamilie“ auch mit dem Geist um. Ja, die jüngsten Kinder konstruieren sogar ein Gegengespenst, das deutlich unheimlicher ist als das Original. Nur die feinfühlige Virginia (Leila Potzel) hat ein Herz für die Nöte Sir Simons und riskiert einen Ausflug in die Unterwelt, um dem Spott um den Spuk ein Ende zu machen. Zu jeder Tages- und Nachtzeit ist dabei allerhand los auf Schloss Canterville: Nicht nur der frühere Besitzer und die Mitglieder der Familie Otis gehen ihren Interessen nach. Da gibt es noch ein Bedienstetenpaar, das sich herrliche Spitzfindigkeiten liefert. Und ist sonst keiner im Raum, springen die englischen Edelleute aus den Bilderrahmen an der Wand und ziehen miteinander ratschend und tratschend ihre Runden.

Das Stück, nach einer Erzählung von Oscar Wilde, bedient zwar gängige Vorurteile über „den amerikanischen Bürger“ und „den englischen Adel“. Im Wesentlichen macht sich das im unterschiedlichen Sprech- und Sprachverhalten der Charaktere bemerkbar, woraus sich komische Effekte ergeben. Nicht zu kurz kommen auch technische Gags , sei es der Rauch, der aus dem Kamin dringt, oder die sprechenden Bilder. Die Regisseurinnen Marion Hessenauer und Gabi Del-Becaro haben dabei das Maß gefunden, dass kein Klamauk herauskommt, sondern der Zauber der literarischen Vorlage erhalten bleibt.

Adelheid Wörner

 

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