Arsen und Spitzenhäubchen (Schwäbische Post – 10.11.2010)

Sie lassen nichts anbrennen

Das Rezept ist so einfach wie wirkungsvoll: Auf ungefähr vier Liter Holunderwein kommen ein Teelöffel Arsen, ein halber Teelöffel Strychnin und eine Prise Zyankali – ein Cocktail, der jeden unter die Erde bringt, beziehungsweise in den Keller von Martha und Abbey Brewster.

Mit „Arsen und Spitzenhäubchen“ setzte die Schnaitheimer Amateurbühne Sasse den Auftakt für einen vergnüglichen Schnaitheimer Theaterwinter. Schon Jahre liebäugelten die Sasse-Regisseure Ulf Koepsel und Ingrid Bossert mit dem skurrilen Theaterklassiker, doch es mangelte bisher an ausreichend und geeigneten Schauspielern, insbesondere an zwei „tutteligen alten Damen“.

Das Besetzungsproblem konnte dieses Jahr, dank Erika Welches (Abbey Brewster) und Heidi Pfeffer (Martha Brewster) und eines Dreifacheinsatzes von Gerald Becker (Dr. Harper, Mr. Gibbs, O’Hara), erfolgreich gelöst werden. Bühne frei also bei der Sasse für die wohl liebenswürdig verpackteste Mordgeschichte der Theaterliteratur.

Sind sie nicht einfach reizend, allenfalls manchmal ein bisschen zu aufdringlich, die beiden Brewster-Schwestern, wie sie mit hoher Stimme, wedelnden Händen und Trippelschritten Tee kochen, Plätzchen mit Marmelade servieren, und es überhaupt gut mit ihren Gästen meinen? Das dachte auch Neffe Mortimer, bis er unversehens im Wohnzimmer seiner Tanten in der Truhe unterm Fenster eine Leiche entdeckt. Damit kommt ein Stein ins Rollen, der nicht nur jede Menge Leichen im Keller aufdeckt, sondern tief in die Vergangenheit der Brewster-Familie blicken lässt.

In eigenwillige Biographien sind die Figuren des Stücks verstrickt: So hält sich der psychisch angeschlagene Neffe Teddy für Präsident Roosevelt; der kriminelle Jonathan, der ebenso viele Tote wie seine Tanten auf dem Kerbholz hat, ist auf der Flucht vor der Polizei; und Cop O’Hara sucht Anerkennung als Bühnen-Autor.

„Arsen und Spitzenhäubchen“ entstand 1942, Autor Joseph Kesselring griff in dem Stück nicht nur politische und soziale Themen auf, er baute zudem eine Liebesgeschichte und eine Parodie aufs Theater ein.

Die Schnaitheimer Inszenierung macht das, was sich anbietet, sie „badet“ in den unterschiedlichen Lebensläufen: Die im billigen Gangsteranzug auftretenden Bösewichte Jonathan und Dr. Einstein bilden dabei einen effektvollen Kontrast zu den „spitzenbesetzten“ Tantchen. Ausgiebig darf der abgedrehte Teddy (Christof Kicherer), seinen Roosevelt-Fantasien nachgehen und im Keller Schleusen für den Panama-Kanal graben.

Am Ende ist es der vernünftige Mortimer, alias Robert Makowitzki, der das Stück zusammenhält, weil er auf jeder Linie glaubhaft den Überblick bewahrt. Auch wenn er es nicht schafft, die Brewster-Schwestern davon abzuhalten, die rote Flasche mit dem Holunderwein wieder zum Einsatz zu bringen.

Adelheid Wörner

 

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