Sommernachtstraum (Heidenheimer Neue Presse – 02.12.2008)

„Oink!“

Die Sasse bringt in der Wintersaison den „Sommernachtstraum“ – ziemlich unshakespearemäßig, doch hinreißend originell

„Philologen haben die teuflische Herkunft Pucks schon vor langer Zeit entdeckt“, schrieb der Literaturwissenschaftler Jan Kott in seinem Buch „Shakespeare heute“. Kobold Puck ist bei der Sasse hingegen regelrecht ein Engelchen; und das passt hier auch zu einer reizend hinreißenden Inszenierung des „Sommernachtstraums“. Es ist ein zahnloser, vielfach amputierter Shakespeare, der hier in einer gravierenden Bearbeitung gezeigt wird. Man sollte nicht seinetwegen das Schnaitheimer Theaterchen aufsuchen – sondern um durchweg mit sehr großem Vergnügen eine bunte, einfallsreiche, im positiven Sinne herzerfrischend naive Inszenierung mit kindlichen, jugendlichen und erfahrenen erwachsenen Spielern zu sehen.

Man mag also mit Skepsis in die Schnaitheimer Kapellstraße gekommen sein: ein Bonsai-Shakespeare, ein „Familienstück“, ein „Klassiker für Kinder, Jugendliche und Erwachsene“ werde gezeigt. Nun mag Shakespeares Stück von 1595, gedruckt erstmals 1600, in seiner Dreibödigkeit und teilweise durchaus rigiden Drastik nicht ganz einfach sein – aber dass es intellektuell oder moralisch nur für Erwachsene geeignet sei, darauf muss man erst mal kommen.

Ein kupierter Klassiker - o je! Aber gleich nach dem Heben des Vorhangs im Sasse-Theater ist klar: Hier will man mit dem Herzen gesehen werden. Entzückend gleich das erste Bild mit wirkungsvoll eingekleideten Waldfeechen - das ist schlicht herzig, was kein bisschen herablassend gemeint ist.

Die große Erfahrung der Sasse, ihr Theaterverstand und ihre ungeschmälerte Lust am Experiment führen hier auf der Bühne die unterschiedlichsten Altersstufen zusammen. Und auch die ganz Kleinen im Premierenpublikum sind nicht über- wie ihre Eltern nicht unterfordert mit der einfallsreichen Inszenierung.

Kinder und Jugendliche agieren unerschrocken, altersgerecht und ohne synthetische Süßlichkeit in einem traumhaften Geschehen rings um Puck, den aufgeweckten Kobold (wirklich herzerfrischend: Lisa-Maria Czichon), den König der Waldgeister (im grünen Tuch, mit edel bemoostem Haupt: Ulf Koepsel) und das verhinderte Liebespaar Hermia & Demetrius (teils noch im Vorliebespaaralter und dennoch uneingeschränkt wirkungsvoll: Isabell Erfort & Marcel Weinrich).

15 Akteure insgesamt sind zu Gange in schön gemachten Kostümen. Alle machen ihre Sache, im geschützten, rahmenden Raum der Sasse, klasse – erwähnt seien hier nur, stellvertretend, das zweite junge Paar Helena & Lysander (Janine Salm & Jan-Felix Czichon) oder der „athenische“ König (Michael Waibel). Besonderen Beifall erhielt ein kurzfristiger „Ersatz“: Marion Hessenauer (die mit Regine Czichon für die sorgsame Regie zu loben ist) gibt ein Eichhörnchen, das nur mit dem einen Wort „Oink“ (kein Eichschweinchen!) ausdrucksstark brilliert – Ehemann Peter saß, nach einem Sturz, mit Halsmanschette im Publikum.

Zu erwähnen sind auch die beiden zwischenszenischen „Umbauer“, die mit wirkungsvoller Verfremdung den märchenhaften Charakter noch betonen.

Dabei sind sie musikalisch stimmig hinterlegt; wie insgesamt die Inszenierung musikalisch anspielungsreich den Charakter eines „Familienstücks“ unterstreicht - vielleicht nicht immer ganz kindgerecht.

Kostüme und Maske sind klasse; die Bühne (unermüdlich: Peter Ruoff) auf ganz neue, effektvoll textile Art eingerichtet. Das alles ist einfallsreich und durchaus unprotzig edel – was reicht bis hin zum beleuchteten Hut der Waldkönigin. Solche effektschaffende Qualität ist ohne die erfahrungsschaffende Geschichte des rührigen Theatervereins nicht möglich.

Shakespeare also ist nur der (eher ziemlich vordergründige) Anlass für eine Inszenierung, die einfach „Kinderstück“ zu nennen man sich weigert.

„Familienstück“ – na ja. Es ist eine herzige, herzliche und teils herzhafte Inszenierung für Freunde bunten, lebendigen Amateurtheaters. „Weil uns die Kinder- und Jugendarbeit im Verein sehr wichtig ist“ (so Ulf Koepsel, der ja nicht nur temporärer „Wald-“, sondern auch seit langem Sasse-„König“ ist), hat man beispielhaft gezeigt, wie man diverse Generationen ansprechend und doch nicht ohne Anspruch auf einer kleinen, agilen Amateurbühne vereinen kann. Zur großen, durchaus auch adventlichen Freude des Publikums. Nun, ihr Kinderlein, kommet . . . – und bringt den Rest der Familie mit.

Manfred Allenhöfer