Chatroom (Heidenheimer Neue Press – 24.06.2008)

Die Macht von Web und Worten

Sasse-Jugend überzeugte bei der Premiere von „Chatroom“ mit tollem Spiel – und unterzogen die Zuschauer einer Schocktherapie

Prägend, eindrucksvoll gespielt, genial - alle diese Lobesworte fallen einem bei der kürzlichen Premiere des Sasse-Theaters ein. „Chatroom" führt einmal mehr vor Augen, dass Worte Macht sind - und in Zeiten von Internet und Chatrooms umso mehr. Für alle, die das Stück noch nicht gesehen haben: Es lohnt sich.

„Die verdammten Besserwisser" heißt der Internet-Chatroom von William, Jack, Eva und Emily. Sie alle suchen hier nach einem Sinn im Leben, wollen bedeutungsvoll sein.

Doch dann findet der depressive Jim (Moritz Koepsel) mit seinen echten Problemen den Weg in den Chatroom. Er sucht nach einer Lösung, einem Ausweg aus seinen Schwierigkeiten - und trifft auf William (Hannes Köck) und Eva (Anna-Lena Czichon), die ihm, nur so zum Zeitvertreib, Selbstmord einreden wollen. Als „ein Zeichen der unterdrückten Jugend".

Aber es gibt doch auch Freunde, Familie, Glück, Gründe, zu leben, halten Jack (Benny Hessenhauer), Emily (Julia Koepsel) und Laura (Julia Peterke) entgegen - und werden von den anderen dafür massiv angegriffen. Für die Jugendlichen ist alles nur ein Spiel. Dass hinter dem anonymen Jim des Chatrooms ein Mensch steckt, das sehen sie nicht.

Jims Entscheidung und sein damit verbundener letzter Monolog war, ohne das Ende verraten zu wollen, eindrucksvoll und zudem äußerst authentisch gespielt. Überhaupt schien dieses herbe, aktuelle und zeitkritische Theaterstück den jugendlichen Sasse-Schauspielern auf den Leib geschnitten zu sein. Freilich auch deshalb, weil der Altersunterschied zwischen Charaktere und Darsteller nur sehr gering ist. Dennoch erforderte es schauspielerisches Können, sich in die teilweise sehr schwierigen Rollen hineinzuversetzen.
Vor allem Hannes Köck (William) holte aus seiner etwas eindimensionalen Rolle mit seiner tollen Mimik alles heraus: der Zorn des Rebellen, Langeweile und Hinterlist. Manchem Zuschauer mögen die vielen derben Schimpfwörter wenig behagt haben, die aber, klug eingesetzt, das Stück und seine Charaktere authentisch machten. Die abrupten Gefühlsausbrüche wurden äußerst überzeugend dargeboten.

Natürlich darf man bei all dem Lob nicht die beiden Regisseure Dorit Zabka und Volker Schnabel vergessen, ohne die das Ganze sicher nicht möglich gewesen wäre. Obwohl das Stück teilweise auch etwas unrealistisch und einschichtig ist, regt es doch sehr zum Nachdenken an. Denn die Anonymität des Internets birgt auch so seine Gefahren. Und diese kleine Schocktherapie mag zuweilen ganz heilsam sein.

Moira Cameron

 

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