Chatroom (Heidenheimer Zeitung – 24.06.2008)

Elektronische Anonymität

Im Sasse-Theater hatte das Jugendstück „Chatroom“ Premiere

Das englische „to chat“ bedeutet eigentlich „tratschen“, und das ist in der Regel nicht gefährlich. Bedenklich wird es dann, wenn der Klatsch in der elektronischen Anonymität des „Chatrooms“ stattfindet. Der Nordire Enda Walsh hat dieses in jeder Hinsicht ergreifende Stück geschrieben, das am Samstag unter der Regie von Dorit Zabka und Volker Schnabel in der Sasse von engagiert spielenden Jugendlichen dargeboten wurde.
In weiße Overalls gehüllt, austauschbar und unverbindlich treffen sich vier Jugendliche zum quatschen, ohne sich zu kennen oder gar zu sehen. William, mit seinem Sarkasmus glänzend dargestellt von Hannes Köck, scheint sich als Anführer zu geben, der den dicklichen Jack, eindringlich gespielt von Benny Hessenauer, ständig als Opfer seiner Menschenverachtung missbraucht. Immer muss man sich vergegenwärtigen, dass die Akteure sich ja nicht sehen, wenn sie die „Scheinwelt“ attackieren. Zu bizarrer Musik wurde da die Kinoverlogenheit und die Schlagerwelt auseinandergenommen.

„Die verdammten Besserwisser“ nennt sich der Chatroom, und Eva, glänzend gespielt von Anna-Lena Czichon, will zusammen mit Emily, sehr subtil dargestellt von Julia Koepsel, eigentlich nur den täglichen Teenie-Frust loswerden, hier, in der Anonymität. Laura will dagegen nur zuhören. Julia Peterke gab dieser Rolle mit viel selbstkritischen Untertönen Charakter und Charme. Hinter der coolen Fassade und den drastisch-derben Sprüchen brodelt es gewaltig, als Jim erscheint. Moritz Koepsel hat eine tragende Rolle als depressiver Teenie zu spielen und machte das großartig.

Verletzlich, sensibel und sympathisch präsentiert er Jim, der als Sechsjähriger vom Vater einfach stehengelassen und von der Mutter als Feigling beschimpft wurde. „Keine Ratschläge“ heißt es hart von seiten der anderen Chat-Teilnehmer, die über „Magersucht als Statussymbol“ schwadronieren. Lediglich Laura – „das ist mein richtiger Name“ – scheint sich um den sinnsuchenden Jim zu kümmern. William dagegen will „ein bisschen an ihm herumklempnern“. Jim solle doch „für alle Teenager sprechen“ und sich vor der Webcam umbringen, das sei doch „sexy und romantisch“, so William zynisch.

Spätestens jetzt läuft es einem eiskalt über den Rücken und man freut sich gleichzeitig über die stimmige, einfühlsame Spiel der sechs jungen Könner. Laura erreicht schließlich doch, dass Williams Arroganz und Machtwille ad absurdum geführt werden, bevor Jim, jetzt allein in T-Shirt und Jeans, ohne den weißen Kokon zu einem glänzenden Schlussmonolog ansetzt. Hier zeigte Moritz Koepsel nochmals sein mitreißendes, intensives Spiel. Ein Warnschuss für unbedarfte „Chatter“, der viele erwachsene Zuschauer ermutigte, sich fortan mehr um die Internetaktivitäten ihrer Teenies zu kümmern.

Hans-Peter Leitenberger

 

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